Kleemann bricht mit einem vollelektrischen Anlagenzug in Schweden neue Wege. Der zur Wirtgen Group gehörende Spezialist für mobile Brechanlagen testet erstmals eine komplett netzgekoppelte Aufbereitungskette im Dauerbetrieb. Das Signal: Die Elektrifizierung erreicht auch die dieseldominierten Steinbrüche und Recyclinghöfe.

Vollständig elektrischer Anlagenzug: Drei Maschinen, ein Stromkabel

Der schwedische Praxiseinsatz umfasst drei Maschinen: einen mobilen Backenbrecher, einen Prallbrecher und eine Siebanlage. Alle drei Einheiten laufen über Netzanschluss, ohne Dieselmotor. Die Anlagen verarbeiten Gestein direkt am Steinbruch – eine klassische Aufgabe für mobile Brecher, bisher fast ausschließlich mit Dieselantrieb gelöst.

Der entscheidende Unterschied: Der elektrische Betrieb eliminiert direkte Emissionen am Einsatzort. Für Betreiber in Skandinavien mit strengen Umweltauflagen und hohem Anteil erneuerbarer Energien im Stromnetz ein messbarer Vorteil. Die Maschinen arbeiten leiser, produzieren keine Abgase und senken die Betriebskosten durch günstigeren Strom im Vergleich zu Diesel.

Kleemann als Elektrifizierungs-Vorreiter: Warum gerade Brechanlagen?

Brechanlagen sind Energiefresser. Ein mobiler Brecher im Steinbruch verbraucht je nach Durchsatz zwischen 150 und 400 Liter Diesel pro Tag. Bei einem Preis von rund 1,50 Euro pro Liter entstehen Tageskosten von 225 bis 600 Euro – nur für den Kraftstoff. Hinzu kommen Wartungskosten für Dieselmotoren, Filter und Abgasreinigung.

Der elektrische Betrieb senkt diese Kosten deutlich. Strompreise für Industriekunden liegen in Schweden bei rund 0,15 Euro pro kWh. Ein elektrischer Brecher mit 200 kW Leistung verbraucht im Vollastbetrieb etwa 1.600 kWh pro Achtstundenschicht – Stromkosten: 240 Euro. Im Vergleich zu 450 Euro Dieselkosten für vergleichbare Leistung ein Vorteil von über 45 Prozent.

Kleemann setzt seit Jahren auf hybride und elektrische Antriebskonzepte. Die mobile Prallbrechanlage Mobirex MR 110 Z EVO2 ist bereits mit Netzanschluss erhältlich. Der schwedische Test geht einen Schritt weiter: Hier läuft die gesamte Prozesskette elektrisch – vom Vorbrechen über das Nachbrechen bis zur Klassierung.

Technische Herausforderungen: Netzstabilität und Anschlussleistung

Ein vollelektrischer Anlagenzug stellt hohe Anforderungen an die Infrastruktur. Die drei Maschinen benötigen zusammen eine Anschlussleistung von rund 500 kW. Das entspricht dem Strombedarf von 150 Einfamilienhäusern. Nicht jeder Steinbruch verfügt über einen derart leistungsfähigen Netzanschluss.

In Schweden profitiert der Test von einer gut ausgebauten Stromnetz-Infrastruktur. Viele Steinbrüche und Kiesgruben liegen in Regionen mit stabiler Versorgung. Anders sieht es in abgelegenen Gebieten aus: Hier bleiben Diesel-Aggregate oder hybride Lösungen vorerst die einzige Option.

Die Wirtgen Group entwickelt parallel Batteriespeicher-Lösungen. Ein Pufferspeicher mit 500 kWh Kapazität könnte Lastspitzen abfangen und den Anlagenbetrieb auch bei schwächeren Netzanschlüssen ermöglichen. Die Technik ist verfügbar, die Kosten noch hoch: Ein 500-kWh-Speicher schlägt mit rund 200.000 Euro zu Buche.

Praxis-Erkenntnisse aus Schweden: Was der Test zeigt

Der schwedische Dauerbetrieb liefert erste belastbare Daten. Die Maschinen laufen seit mehreren Wochen im Vollbetrieb, verarbeiten täglich mehrere hundert Tonnen Gestein. Kleemann sammelt Daten zu Energieverbrauch, Verfügbarkeit und Wartungsaufwand.

Erste Erkenntnisse: Der Wartungsaufwand sinkt messbar. Elektrische Antriebe benötigen keine Ölwechsel, keine Dieselpartikelfilter, keine SCR-Katalysatoren. Die Wartungsintervalle verlängern sich, die Stillstandzeiten reduzieren sich. Für Betreiber mit knappen Wartungsfenstern ein klarer Vorteil.

Die Lärmemissionen liegen deutlich unter denen dieselbetriebener Anlagen. Ein elektrischer Backenbrecher erreicht rund 85 dB(A) in zehn Meter Entfernung – ein Dieselmodell liegt bei 95 dB(A). Das ist nicht nur angenehmer für die Maschinenbediener, sondern erweitert auch die Einsatzzeiten in lärmkritischen Gebieten.

Kostenrechnung für Betreiber: Wann amortisiert sich die Elektrifizierung?

Die Investitionskosten für elektrische Brechanlagen liegen rund 15 bis 20 Prozent über denen dieselbetriebener Modelle. Ein mobiler Backenbrecher mit 200 kW kostet in der Dieselversion etwa 450.000 Euro, die elektrische Variante rund 530.000 Euro. Die Mehrkosten: 80.000 Euro.

Bei einem Betrieb von 2.000 Stunden pro Jahr und einer Kostenersparnis von 25 Euro pro Betriebsstunde (Kraftstoff und Wartung) amortisieren sich die Mehrkosten nach rund 1,6 Jahren. Bei intensiver Nutzung mit 3.000 Stunden jährlich verkürzt sich die Amortisationszeit auf unter zwölf Monate.

Hinzu kommen mögliche Fördermittel für emissionsfreie Baumaschinen. In Schweden gibt es Zuschüsse von bis zu 30 Prozent der Mehrkosten für elektrische Baumaschinen. Das reduziert die Investitionshürde erheblich.

Marktauswirkungen: Was bedeutet das für Mittelständler und Großbetreiber?

Für mittlere und große Recyclingbetriebe wird die Elektrifizierung zur strategischen Frage. Wer in urbanen Gebieten operiert, profitiert von niedrigeren Emissionen und erweiterten Betriebsgenehmigungen. Wer in Regionen mit günstigem Grünstrom arbeitet, senkt die Betriebskosten deutlich.

Große Kieswerke und Steinbrüche mit festem Standort können die Investition in einen leistungsfähigen Netzanschluss stemmen. Für mobile Einsätze mit häufigem Standortwechsel bleibt der Dieselantrieb vorerst die flexiblere Lösung. Hybride Konzepte – elektrisch am Hauptstandort, Diesel für mobile Einsätze – werden zum Kompromiss für viele Betreiber.

Der Test in Schweden zeigt: Die Technik funktioniert. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann sich die Elektrifizierung rechnet. Betreiber mit hohen Betriebsstunden, Zugang zu günstigem Strom und Fördermitteln können bereits heute wirtschaftlich elektrisch fahren.

Ausblick: Kleemann erweitert elektrisches Portfolio

Kleemann plant die Ausweitung des elektrischen Angebots. Weitere Modelle der Mobicat- und Mobirex-Reihen sollen mit Netzanschluss verfügbar werden. Parallel arbeitet die Wirtgen Group an Batterielösungen für netzferne Einsätze.

Der schwedische Praxistest ist ein wichtiger Schritt in Richtung vollelektrischer Aufbereitungsketten. Für die Branche ein Signal: Die Transformation vom Diesel zum Stromnetz ist machbar – auch im Schwerlastbetrieb. Wer jetzt investiert, sichert sich Vorteile bei Betriebskosten und Umweltbilanz.

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